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Einführung zu einem Katalog mit Arbeiten von Susanne Binsack, erschienen im Juli 1999
 
Von Stille und Ruhe
 

"Ein Paar" aus Sandstein, 1995, steht, Rücken an Rücken über die Hände an den herabfallenden Armen verbunden. Unter der körnigen Haut des Materials schwellen nur wenige Volumen aus der Masse des Sandsteinblocks, und doch ist aus der zurückhaltenden Formsprache der Arbeit die sehnsuchtsvolle Verbundenheit der beiden Figuren zu begreifen. Die Darstellungsform, die Susanne Binsack wählt, schildert nicht das Biografische der beiden Figuren, das Wie und Warum ihrer Beziehung, sondern einen Zustand.

So wie diese Figuren im "Paar" schlicht geformt sind, sind die Figuren der Künstlerin einfach da. Sie sitzen, kauern, lagern, hocken oder sind "Lauschende", 1991, mit erhobenem Gesicht, einem inneren Klang nachspürend. Es gibt keine komplizierten Formgerüste, keine Aktion, keinen Verweis auf etwas Anekdotisches. Die Künstlerin bleibt in ihren Arbeiten am Kern des Steins. Daraus vermitteln die "Clowns", 1997, ihre Metaphysik, ihr vergebliches Lächeln, ihr stilles Scheitern, ihre zarte Melancholie trotz und gerade wegen der kunstsprachlichen Zurückhaltung. Die "Greisin", "Mutter und Kind", die "Hockende" oder der "homo faber" sind in bestem Sinne eigentümlich geschildert. Nicht das laut Plappernde, sondern die verschweigende Kraft hebt die Künstlerin aus dem Stein. Es bleibt ein Geheimnis. Es bleibt ein Unbenennbares. Dies schützt die Figuren. Sie widersetzen sich durch diese Formgestaltung dem Dilemma irritierender Detailfülle, in der die Wahrhaftigkeit sich verfangen könnte und verloren ginge. So steigert, durch überschaubare Gestaltung, die Künstlerin die Aussagekraft. Sie will dem Wechsel der Erscheinungen das Bleibende abgewinnen. Ein zappelnder, hampelnder Clown böte kuriose Scherze. Die Clowns unserer Künstlerin sagen, wie alle Figuren, das Schmerzhafte und Beglückende, Erfüllung und Scheitern.

Mit ihren bildhauerischen Arbeiten, die Susanne Binsack seit etwa zehn Jahren gestaltet, schließt die Künstlerin nahtlos an ihre Malerei an, wo ebenso Menschengestalten zu sehen sind. Sie sind in stiller Haltung der modischen Alltagswelt entzogen. Skulpturen und Bilder strahlen Weltferne aus. Auch bei den Bildern gibt es die Darstellung einer "Hockenden", 1999, mit gefalteten, großen Händen vor dem Leib. Diese Hockende sitzt, man weiß nicht wo, mit einwärts gewendetem Blick vor großen Flächen, selbst Farbfläche, bis ins Gesicht mit der flachen Gesichtsmaske, in der die Nase mit den Augen und dem Mund eine Formvokabel bildet. Sie ist aus der Bildmitte nach links verschoben, gibt die Bildmitte frei, will am Rande bleiben, für sich. Wird aber die Menschendarstellung in die Mitte genommen, wie im "Familienbild", 1998, oder in dem Bild "Sibylle", 1997, dann in wuchtiger Präsenz. Auch in diesen Bildern verweisen die Menschen über sich selbst hinaus. In dem Bild "Gratuliere", 1999, ist es das Vergnügen, dem Gegenüber zu gratulieren. Die Freude am anderen ist deutlich zu spüren. Ähnlich ist es mit dem Bild "Festtag", 1998, wo das Glück der Mutter, die mit ihrem Blütenkranz um den Kopf als die gekennzeichnet ist, die einen Grund zur Feier hat, ganz in der Freude an ihrem Kind aufgeht. In den großen, farbigen Flächen geht die Menschendarstellung auf, wird Farbfläche, gleicht sich dem Muster der halbabstrakten Malerei an. Das Individuelle geht in einen selbstverlorenen Traum ein, der die Menschen den Dingen, den Früchten, der Landschaft, der Natur ähnlich macht. Es interessiert an ihnen ihr Ausdruck, nicht der Charakter, nicht eine Eigentümlichkeit des Physiognomischen, sondern ihre Existenz. Die Ausdrucksform, die die Künstlerin dafür gefunden hat, scheint gerade heute besonders wichtig, denn sie schafft eine Würde, die dem Menschsein verloren zu gehen droht. Man darf den Vergleich mit der Ikone wagen, die ja das Heilige aus dem Alltäglichen heraushebt und erst durch die Abkehr von der in der Zeit stehenden Wirklichkeit das Überzeitliche und Gültige erreicht. Aus dieser Grundanlage bleiben die Menschenbilder von Susanne Binsack rein. Schön ist, dass sie nicht unnahbar sind, sondern zum Näherkommen einladen. Das unterscheidet sie wesentlich von den Ikonen.

Die Kathedrale von Chartres reiht an den Gewändefiguren des nördlichen Querhauses (1200-1210), am Königsportal und am Mittelportal der Westseite, Figurenschmuck von erhabener Kraft. Sie sind von überindividueller Weltferne aus der Orientierung auf Gott. Sie sind Teil eines wesentlicheren Ganzen, der Architektur und deren Feier des Göttlichen. Dies schafft ihre überzeitliche Stille. Aus dieser Grundeinstellung wächst der unerschütterliche Heilschoral. Der säulenhafte Bau der Figuren ist begründet aus der Würde als Träger der Religion. Jeder Gegenstand, jede Figur ist aus theologischen Gedankenbildern geformt und führt(e) den willigen Betrachter über den ikonografischen Zusammenhang in den Sog des Glaubens unabhängig von Zeitläufen und Zeitängsten.

Die Erschütterung dieses religiösen Weltgebäudes seit dem 19. Jahrhundert ist gewaltig. Gerade darum entwickelte die Kunst eine von theologischen und religiösen Betrachtungen unabhängige, selbständige Würdeform für das Menschliche.

Seit der Neuzeit wächst die individuelle Durchsetzungskraft, aber auch der kollektive Wahn, und zwischen diesen Blöcken des Ego und der Norm gerät das Einzelwesen in einen zerreibenden physischen und psychischen Erschöpfungszustand, aus dem es weder Stille noch Ruhe gewinnt, weder Orientierung noch Wissen. Befördert durch die televisionstechnische Präsenz von Not, Elend, Katastrophen und Kriegen, gefesselt in dem Netz der unverschämten allzeitlichen Erreichbarkeit durch Telefon, Handy, Fax baumelt der vernetzte Mensch am Haken der Werbung, des Internet, der Aktualität. Die Furcht vor technischem und menschlichem Versagen, vor Verachtung und Unverständnis wächst. Hier gibt die Kunst von Susanne Binsack eine beruhigte, beruhigende Antwort. Sie führt in ihren Arbeiten nicht in dieses Tableau kollektiver Unsicherheit. Sie sucht nicht nach falschen Paradiesen. Sie verklärt nicht das Vergangene. In ihren Arbeiten gestaltet sie den Augen-Blick aus der Stille des Inwendigen. Ohne die Substitute der Wirklichkeit zu leugnen, reagiert sie durch einen meditativen Kosmos, der ebenso selbstverständlicher Anteil des Wirklichen ist. Land, Mensch und Gegenstand werden in der Sicht der Künstlerin aus der zwanghaften Raum- und Zeitgebundenheit ausgelöst. Aus dem aktuellen Tun, aus den kurzlebigen Sinngaben, führt sie Lebendiges vor das Licht der Todesahnung und der Verletzlichkeit und gewinnt aus diesem Abschied für das Lebendige eine neue Kraft.

Der Gegenstand in den Bildern und Skulpturen von Susanne Binsack ist in diesem Sinne innegehaltenes Zeichen eines Transitorischen zwischen Erinnertem und Zukünftigem. Die Gegenstände und Geschöpfe wachsen aus diesem Moment metamorphotisch und werden Stilleben. Beobachten (Sehen) und Erinnern (Erkennen) lösen sich aus dem Vorbeiflug des Zeitlichen. Damit wird das Schwindende überwunden. Es bleibt ein starker Eindruck. Das schwere, flache Land bei "Hiddensee", 1999, mit den schlichten Bauten über der sandigen Dehnung, das aufkeimende Licht des Tages, das zart in eine müde Straßenschlucht schlägt, deren Häuser sich noch die dunkle Nacht über die Fenster gezogen haben, wird als "Morgenstund", 1999, für alle vergleichbaren Morgenstimmungen festgehalten. Aber auch hier, in den Landschaften, in der Darstellung der Häuserzeilen oder der Beschreibung von Häusergruppen im flachen Land, sind es nicht die Orte, sondern es sind Reflexionen über das Verbliebene und das Verbleibende. Dahinter steckt die tiefe Erkenntnis, daß von allem Gesehenen, von allem Lebendigen nur Splitter bleiben. In diesen verbleibenden Fetzen und Flicken sehnt sich der Mensch nach Anbindung, die ihm nicht die Details der Außenwelt bieten können, sondern nur der große Ton einer innenweltlichen Sicht. Er sieht in den Spiegel, er reflektiert.

Rainer Maria Rilke nannte die Spiegel in dem "III. Sonett an Orpheus" die erfüllten Zwischenräume der Zeit. Dieses Wort lässt sich auf die Kunstwerke von Susanne Binsack übertragen. Das Bild, das Kunstwerk ist die interessantere und tiefere Wirklichkeit. Bei Susanne Binsack sprechen die Blumen, Flaschen, Bauten, Landschaften, Krüge, Menschen aus dieser Ruhe ihren beruhigenden Monolog, voller Geneigtheit und Bereitschaft erkannt zu werden, angenommen zu werden, uns die Erfülltheit mitteilen zu dürfen. Die Arbeiten der Künstlerin betonen in ihrer Abkehr von den Zeitläufen die atmenden Farbflächen. Die großzügige Niederschrift ist erfüllt aus der Gleichheit von Glück und Unglück, die erst mit der Welt auflösbar ist. Dieser Gleichmut, diese Ruhe ist der Optimismus der Arbeiten. Die formstarke Sprache führt zu elementarer künstlerischen Präsenz. Rilke schrieb 1907 im Requiem an eine Freundin (Paula Modersohn-Becker) an einer Stelle:

"... und so wie Früchte sahst du auch die Frauen,
und sahst die Kinder so, von innen her,
getrieben in die Formen ihres Daseins. ..."

Die von Rilke angesprochene Daseinsform ist ein aller Kunst innewohnendes Prinzip, das Eigentliche herauszuarbeiten. Nicht was einer sieht, sondern wie einer das Gesehene formt, ist entscheidend. Gleichzeitig ist das Formale, das Farbliche, das Gestaltete den Triebkräften der Natur und der Schöpfung elementar verwandt. Den von der Künstlerin dargestellten Menschen, Bäumen, Blumen, Früchten und auch den Landschaften ist diese Daseinsform zuzusprechen. Wie ist es aber nun mit den Flaschen, Häusern, Vasen, Krügen?

Durch die Farbe werden diese toten Gegenstände lebendig. Die Stilleben mit blauer oder schwarzer Flasche, die Vase auf grünen Bord leben - wie die Mauern der Häuser - aus einem speziellen Farbtemperament, das ihren Charakter, ihren Wuchs, ihre Einbindung, ihre Ausstrahlung verrät. Wie in den alten Stilleben des 17. und 18. Jahrhunderts leuchtet auch aus diesen Stilleben das "memento mori", das "bedenke, daß du sterblich bist". Dies war der alte Sinn des Stillebens bei den Niederländern, und noch heute gemahnen Blüte und Krug an Verblühen und Verfall. Gerade die Unmittelbarkeit, mit der die Künstlerin uns dies auf der Fläche unillusionistisch vor Augen bringt, wandelt die oft zarten Farbvaleurs in kraftvolle Akkorde sinnstiftender Farbharmonik.

Susanne Binsack steht im Leben. Sie selbst ist nicht abgewandt von der Welt. Ihre Arbeiten haben die Qualität eines Gegenentwurfs. Sie sind eine Alternative zum Lauten, Vordergründigen, zur Hektik, zu dem was uns frisst und uns Tempo macht. Ihre Kunstwerke sind voll ruhigem Atem. Vor allem in den Farben ihrer Bilder ist der ruhige, kräftig schlagende Puls zu spüren. Skulpturen und Bilder sind körperhaft in ihrer Ausstrahlung und lebendig in ihrem Geist. Einssein mit diesem Augen-Blick wird zu einem erfüllten Moment des glückbringenden Betrachtens.

Dr. Friedhelm Häring,

Direktor des Oberhessischen Museums in Gießen