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Einführung in die Ausstellung
Susanne Binsack, Malerin und Bildhauerin
in der Galerie Bernack, Worpswede, am 13. April 2008
 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Herr Bernack –

Ich bin sicher, jeder von Ihnen hat schon eine ganze Reihe von Austellungen besucht und daher bestimmte Vorstellungen über die Art einer Einführung. Ich möchte Sie nicht enttäuschen, aber diese hier wird etwas anders sein. Denn ich habe nicht Kunstgeschichte studiert, sondern Landwirtschaft, und ich bin auch kein Künstler, aber seit 50 Jahren mir der Künstlerin verbunden, deren Arbeiten hier präsentiert werden. Ich möchte daher meinen kleinen Vortrag in drei Abschnitte unterteilen: Zuerst möchte ich etwas über die Vita von Frau Binsack sagen, also über ihren bisherigen Lebensweg. Das mag Ihnen das Verständnis ihrer Arbeiten erleichtern. Dann möchte ich auf einige der vergangenen Ausstellungen hinweisen und aus Kritiken zitieren. Die geben einen Eindruck über das Urteil von Fachleuten. Und schließlich möchte ich Ihnen einige kleine Geschichten oder Anekdoten erzählen, persönliche Erfahrungen aus meinem Zusammenleben mit der Künstlerin und ihrer Arbeit.

Also: Vor ziemlich genau 50 Jahren, im Sommer 1958, lernte ich in Oldenburg, keine 50 km von hier, eine junge Dame kennen. Die hieß Susanne Langangke, war 20 Jahre alt, ein hübscher Käfer, ich war sechs Jahre älter. Wir verstanden uns sehr gut, hatten gemeinsame Interessen. Wir gingen ins Theater und Konzert, wir hatten Freude am Laufen, Radfahren und Schwimmen, und wir hatten ein ähnliches Schicksal hinter uns. Sie stammte aus einem Geschäftshaus in Königsberg, war im Januar 1945, mit knapp sieben Jahren, mit ihrer etwas älteren Schwester, an der Hand ihrer Mutter aus Ostpreußen geflüchtet. Beinahe wären sie auf der `Wilhelm Gustloff´ gelandet. Doch sie kamen heil in den Westen, in ein Dorf südlich von Oldenburg. Ich selber stamme von einem landwirtschaftlichen Betrieb nahe bei Leipzig. Der wurde im Oktober 1945 enteignet, die ganze Familie wurde verhaftet und auf die Insel Rügen deportiert. Von dort gelang uns die Flucht in den Westen, in ein Dorf südlich von Göttingen.

Im Rückblick auf diese 50 Jahre möchte ich sagen: Das Leben von Frau Binsack hat zwei Schwerpunkte: Familie und Kunst. Anhand dieser Kriterien kann man drei Phasen unterscheiden: Die erste reicht von 1958 bis 1972, die zweite von 1972 bis 1988, die dritte von 1988 bis heute. In wenigen Worten sehen die so aus:

In der ersten Phase stand die Familie an erster Stelle. Wir haben geheiratet, drei Söhne wurden geboren, doch schon in jener Zeit war meine Frau künstlerisch aktiv. Sie begann zu zeichnen und zu malen, vor allem Landschaften und Häuser. Das war für sie ein guter Ausgleich für die ständige Arbeit mit Haushalt und Kindern. Zudem war Malen und Zeichnen nicht an einen bestimmten Wohnort gebunden. Denn bis 1963 lebten wir in Oldenburg, danach, bis 1972, in Lateinamerika. Ich selbst arbeitete in dieser ganzen Zeit als Fachmann für Bodenfruchtbarkeit und Düngung, und zwar zunächst im Weser-Ems-Gebiet, dann – im Rahmen der Entwicklungshilfe – im Süden von Chile und schließlich im Staat Paraná in Brasilien.

In der zweiten Phase, von 1972 bis 1988, lebten wir zunächst wieder in Deutschland, in Südhessen, und bauten ein Haus in Bad Homburg. Meine Frau malte und zeichnete, und zwar mit zunehmender Intensität. Sie schloss sich einer Gruppe von Künstlern an, die von renommierten Fachleuten geleitet wurde. Einer von ihnen war Hem Schüppel, Professor an der Uni in Frankfurt, ein Maler und Dichter par excellence. An der Internationalen Sommerakademie in Salzburg war Professor Strack ihr wichtigster Mentor. In jenen Jahren malte sie mit Ölfarben auf Leinwand, mit Pastellfarben auf Papier und probierte neue Techniken aus, wie Monotypien. In diesen 16 Jahren verschob sich der Schwerpunkt ihrer Arbeiten von der Familie auf die Kunst. Bald ergaben sich die ersten Ausstellungen, eine sehr große wurde von der Stadt Bad Homburg im sog. Fürstenbahnhof ausgerichtet. Das war im Mai 1984, meine Frau erhielt viel Anerkennung, und zwar nicht nur durch Worte, sondern auch durch den Verkauf etlicher Bilder. Ich selbst betreute Agrarprojekte im Bereich Pflanzenbau, und zwar in drei Kontinenten, also in Lateinamerika, in Afrika und Asien.

Die Jahre 1984 bis 1988 verbrachten wir wieder im Ausland, diesmal in den Vereinigten Staaten. An der Weltbank in Washington hatte ich eine Aufgabe zugunsten der Internationalen Agrarforschung übernommen. Meine Frau wurde bald in eine Gruppe von Künstlern aufgenommen, die vorwiegend Akt zeichneten. Zugleich bildete sie sich intensiv weiter, so an der American University und der Corcoran School of Art, die beide einen hohen Standard in der Kunsterziehung halten. Es gab diverse Ausstellungen in kommunalen und kommerziellen Galerien, die größte jedoch fand in der Weltbank statt, unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters. In einer großen Halle im 12. und 13. Stock des Hauptgebäudes stellte meine Frau 74 Bilder aus, der Erfolg war gut.

Die dritte Phase reicht von 1988 bis heute. Die Söhne stehen seit langem auf eigenen Beinen, die Kunst ist der Schwerpunkt im Leben und Arbeiten von Frau Binsack. Diese Phase ist ohne Zweifel die intensivste in ihrer Malerei, bald kam die Bildhauerei dazu. Jedes Jahr werden ihre Arbeiten in Galerien oder Museen ausgestellt und auf Kunstmessen präsentiert, und zwar im In- und Ausland. Diese drei Phasen kann man auch so definieren: Die erste war die des Suchens, die zweite die des Lernens, die dritte ist die der Reife.

Nun möchte ich einige Stellen aus Kritiken zitieren. So sagte Dr. Friedhelm Häring, Leiter des Oberhessischen Museums in Gießen, am 6. März 1997, ein Künstler lege immer seinen Standort in der Welt offen, und er fährt fort: "Wer von uns könnte das von sich sagen. Immer setzen die Künstler sich aus, immer stehen sie zur Diskussion. Immer müssen sie den Mut aufbringen, die Leinwand oder den Stein zu überwinden und dann auch noch uns zu zeigen. Insofern, liebe Frau Binsack, möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich auch in Ihrer Seelenlandschaft darstellen. Dazu gehört viel Kraft. Ihre Bilder und Ihre Skulpturen haben diese Kraft. Und ich hoffe und wünsche, dass sich diese Energien, dass sich diese Kraft auch auf den Zuschauer, auf den Betrachter, auf Sie überträgt."

Am 31.05.1989 nannte Sabine Demandt aus Bad Homburg einige Faktoren, die Frau Binsack – wie sie selber sagte – geprägt haben, nämlich: "Verbindung mit der Erde, Geborgenheit, Baden in der Hunte, Wasser, Wellen, Weg auf dem Deich, Wiesen in der Marsch, Ammerland, Geest, Sand, Moor, Himmel, blühender Ginster, knackendes Geräusch der Schoten der Ginsterbüsche, Urgeräusche, Frühsommer, flimmernde Hitze. Wurzeln der Bäume am Fluss – immer wieder Bäume." Und sie verwies auf Frau Binsacks unmittelbare Beziehung zu japanischen Haikus, die ganz knapp die Essenz von Gedanken und Gefühlen wiedergeben. Drei Beispiele:

Die Schönheit bedarf
des zärtlichen Hauchs
zur reinen Entfaltung.

Ruhiges Wasser
fern das andere Ufer
Ahnen und Suchen.

Meiner Füsse Staub
abzuwaschen wag ich nicht
allzuklarer Quell!

Am 6.11.1998 sagte Gisela Schöttler in Ratingen: "Mit der neugewonnenen Freiheit, seit die Söhne aus dem Haus sind, hat sich die künstlerische Arbeit zu ihrem Lebensschwerpunkt entwickelt. Und Arbeit ist es allemal, denn diese Malerin schwimmt gegen den Strom, und das ist anstrengend. Ihre Bilder sind geradezu schockierend in ihrer Einfachheit, so bar jeden Dekorums, dass sie gar nicht in unsere Zeit zu passen scheinen. Aber gerade deshalb sind sie so eindringlich und von zeitloser Qualität." Und etwas weiter sagt sie zu den Landschaften, die eigentlich alles Hausbilder seien: "Hier erstaunt die Formel für Haus: ein paar schmucklose Wände, mit winzigen, fast schießschartenartigen Fenstern und ein hohes Dach. Prägnanter kann man kaum Gefühle von Zuflucht, Geborgenheit und Schutz vor allen hässlichen, störenden äußeren Einflüssen kennzeichnen. Dabei wird sehr sicher mit Farben – warm und kalt, Sonne und Schatten, Nähe und Ferne – gespielt."
Zwei Fachleute meinten, die Bilder und die Skulpturen der Frau Binsack hätten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen, die um die vorletzte Jahrhundertwende in Worpswede entstanden sind. Anscheinend gebe es eine Seelenverwandtschaft und ein ähnliches Verhältnis zur Natur. In der Einleitung zum Katalog von 1999 schreibt Dr. Häring, Frau Binsacks formstarke Sprache führe zu elementarer künstlerischen Präsenz, und zitiert eine Stelle aus Rilkes Requiem von 1907 an eine Freundin (Paula Modersohn-Becker):

". . . und so wie Früchte sahst du auch die Frauen,
und sahst die Kinder so, von innen her,
getrieben in die Formen ihres Daseins. . . ."

Und am 1.03.2003 verwies Jörg Michael Henneberg in Rastede zunächst auf Rilkes Worpswede-Monografie von 1910 und sagte dann: "Susanne Binsack ist von der norddeutschen Landschaft geprägt. Von der Weite, den tieflastenden Horizonten und den Farben, die leuchten können und oft doch sehr verhalten erscheinen. . . . Die einfache Form ist für Susanne Binsack das Hauptanliegen ihrer Arbeit. Landschaft, Architektur und der Mensch werden mit malerischen Mitteln aufs Allgemeingültigste hin reduziert. Die Mutter mit Kind, die weite Landschaft, die Skulptur mit ihrer geschlossenen Form, all dies kündet von einer Freude am Dasein, von Zuversicht und von einer großen Ehrfurcht vor der Schöpfung. . . . Susanne Binsack ist die Malerin des Athmosphärischen. Der Regentag, die Dämmerung, die Morgenstunde, der Nebel, all dies wird von der Künstlerin durch Farbe und Form in geradezu archetypischer Weise festgehalten und für den Betrachter erfahrbar."

Und am 17.03.1990 steht im Main-Echo über eine Ausstellung in Frankfurt: "Das sind Bilder ohne Trend und Mode. Sie reichen eher ins Gestern, greifen nicht nach Documenta-Ehren. Sie `passen´ aber gottlob auch nicht zur Farbe der Couchgarnitur! Und schon gar nicht in diese Denkrichtung. Man muss sie nicht mögen. Aber sie erschweren zumindest das Gegenteil."

Doch was sagt die Künstlerin selbst? "Meine Bilder sind durch beides inspiriert, Natur und Imagination. Sie sind Reflexionen von persönlichen Erfahrungen, Eindrücken und Deutungen. Ich würde glücklich sein, wenn sie verstanden werden als eine Stimme gegen Gewalt, Angst und Chaos." So steht es, natürlich auf Englisch, im Faltblatt zur Ausstellung in der Weltbank. Und das ist auch heute noch, wie sie mir sagte, das wichtigste Ziel ihrer Arbeit.

Und was sage ich, der Kunstlaie, aber Ehemann einer Künstlerin? "Wer vor 100 oder vor 80 Jahren hier in Worpswede ein Bild der damaligen Künstler kaufte, der hatte einen doppelten Gewinn: Er konnte sich bis ans Ende seiner Tage an dem Bild erfreuen – und vermachte zugleich seinen Enkeln ein kleines Vermögen. Ich halte durchaus für möglich, dass so etwas sich wiederholt."

Als dritten Teil ein paar persönliche Erfahrungen von meiner Seite:
Im Rahmen meines Berufes kam ich mal nach Togo. In der Hauptstadt Lomé wohnte jetzt ein holländischer Kollege, den ich in den USA kennengelernt hatte. Er lud mich zum Abendessen ein, in seinem Wohnzimmer hingen fünf Bilder meiner Frau. Da war ich mächtig stolz!

Holzkirchen liegt südlich von München. Pater Nicolai führte in die Ausstellung ein. Er beschwor Frau Binsack, ihrem Wesen und ihrer Malweise treu zu bleiben und nicht irgendwelchen Zeitströmungen hinterherzulaufen. Er halte es durchaus für möglich, dass der Zeitgeist eines Tages den Wert ihrer Malerei erkennen und schätzen werde.

Bei der Ausstellung in der Weltbank kaufte ein sehr sympathischer Mann zwei Bilder. Er trug einen berühmten Namen, nämlich Rothschild. Leider klingt die englische Aussprache für unsere Ohren ganz fürchterlich: Rosstschaild. Aber Frau Binsack kann mit vollem Recht sagen: Zwei meiner Bilder hängen in der Sammlung Rothschild.

In Berlin hatten wir eine ganze Autoladung Bilder und Skulpturen in der Galerie am Savigny-Platz abgeladen. Doch als wir zur Eröffnung hinkamen, fehlte eine Sandstein-Figur, das `Löffelchen´ lt. unserer Liste. Der Galerist hob nur die Schultern und sagte: "Sie wissen doch, direkt neben mir ist ein Eisenwaren-Geschäft. Die Frau des Inhabers sah die Skulptur und wollte sie haben, und zwar sofort. Sie ging zurück, kam nach drei Minuten wieder, zahlte den Preis und nahm das gute Stück gleich mit – die Eisenwarenhändlersgattin."

Im März 1999 verbrachten wir eine Woche in London, in der Bruton Street Gallery kam es sehr schnell zu einem recht intensiven Gespräch mit der Inhaberin. Die bat meine Frau, ein paar ihrer Bilder hinzuschicken. Das taten wir, von acht Bildern wurden drei verkauft, und zwar zu wesentlich höheren Preisen als hier. Das Beiheft trug den Titel ARTISTS FOR THE MILLENNIUM, also `Künstler für das neue Jahrtausend´. Das ist doch eine gute Aussicht!

Im Entwurf zur Einladung in die Europa-Galerie in München stand: `Susanne Binsack wurde 1938 in Kaliningrad geboren.´ Das haben wir aber schnell geändert!

Und die skurillsten Erlebnisse? Im Mai 2001 gab es eine Ausstellung in der Psychiatrischen Klinik der Universität Tübingen. Als wir den prächtigen Backsteinbau aus der Gründerzeit endlich gefunden hatten, lasen wir über dem Eingang: KLINIK FÜR GEMÜTHS- UND NERVENKRANKE. Da wären wir am liebsten wieder umgekehrt. Doch die Sache lief ganz gut. – In Bad Homburg gerieten wir per Zufall an einen Menschen, der `Kunst in der Spielbank´ organisierte. Spontan bot er meiner Frau an, den ganzen Dezember über ihre Arbeiten dort auszustellen. Sie sagte zu, unser Aufwand war ja sehr gering. An einem Vormittag hängten wir viele Bilder auf, doch als wir am Abend in diese halbdunkle Glitzerwelt gingen und die schrägen Typen sahen, die dort mit großem Ernst ihr Geld verspielten, sagte ich zu meiner Frau: "Denen sollten wir die Adresse der Klinik in Tübingen geben!"

Ich danke Ihnen fürs Zuhören.

Dr. Rudolf Binsack